VACLAV HAVEL
Noch bevor ich zum Präsidenten gewählt wurde, in der Zeit, als ich noch Dissident war, habe ich einen Brief an Richard von Weizsäcker geschrieben, dass ich denke und davon überzeugt bin, dass die Tschechische Regierung sich für die schrecklichen Exzesse an der deutschen Bevölkerung entschuldigen sollte und für die wahnsinnige Idee Völker zu vertreiben.
Diese Vertreibung hat vielmehr uns als den Sudetendeutschen geschadet. Die Sudetendeutschen haben ihre Häuser und Geschäfts bereits woanders, aber wir haben uns auf mehrere Jahrzehnte einen Teil des eigenen Landes kaputt gemacht.
Vor allem war es absolut unmoralisch von uns Tschechen, die stalinistische Idee zu übernehmen, Völker zu vertreiben. Die Schuldigen hätte man verklagen und verurteilen müssen, jeden einzelnen für das, was er gemacht hat oder nicht gemacht hat. Zumindest müssen alle Zusammenhänge des Wahnsinns des Kommunismus und der Roten Garde offengelegt werden. Unter den Gardisten haben sich auch ganz normale Verbrecher eingeschlichen, die deutsche Kinder und alte Leute hingerichtet haben. Wir dürfen nicht so tun als würden wir dies nicht wissen.
Ich persönlich glaube nicht, dass sich die Völker fünfzig oder hundert Jahre gegenseitig entschuldigen sollen, besonders nicht dafür, was deren Großväter verursacht haben.
Nichtsdestotrotz sollen die Dinge beim Namen genannt werden. Dies ist im gemeinsamen Interesse einer gewissen Hygiene der Völkergemeinschaft.

Václav Havel